SPRACHRAUM REFORMATION

+ Wilhelm Bartsch

 

 

L U T H E R D E K A D E 2 0 0 8 - 2 0 1 7

KUNSTPLATTFORM SACHSEN-ANHALT

 I C   H
 B I   N
 S  O F 
R   E I 

Texte von
W I L H E L M B A R T S C H

zum Kunstprojekt
Sprachraum Reform@tion

 

ICH BIN SO FREI

ICH BIN SO FREI! / EMPÖRT EUCH! / VERNETZT EUCH! - das könnten alles auch Worte Martin Luthers sein, dieses vielleicht berühmtesten und wichtigsten aller Deutschen. Denn er hat die politische und geistige Landschaft unseres Landes verändert wie kein anderer vor ihm und nach ihm. Und er hat zugleich unsere gesamte Sprache geprägt und zählt wegen seiner Bibelübersetzung, seiner unendlich vielen Schriften, Reden und Predigten und auch seiner Fabeln, seiner Verse und Lieder wegen zu unseren bedeutendsten Dichtern und Schriftstellern. Heinrich Heine hat zum Beispiel Martin Luthers "Ein feste Burg ist unser Gott" als die "Marseiller Hymne der Reformation" bezeichnet. Dieser Protestsong, würden wir heute dazu sagen, ist das schönste Zeugnis von fröhlichem Stolz und von Freimut in unserer Sprache.
Luthers Wort eilte mit bis dahin ungekannter Schnelligkeit von Stadt zu Stadt und von Land zu Land. Luther war nämlich bestens vernetzt. Er und seine Mitstreiter beherrschten virtuos das neue Leitmedium ihrer Zeit - nämlich den Buchdruck. Wie schnell Luther war, schneller als der Papst, sagt uns auch ein Wort wie "Flugschrift" Luthers Flyer waren die schnellsten und phantasievollsten!

ICH BIN SO FREI: Luther erscheint heute als das vielleicht erste Individuum. Denn zwischen Gott und Mensch sollte nichts mehr stehen. Jeder Mensch sollte seinen eigenen Weg zu Gott finden können, selbst wenn es, wie Luther von seiner eigenen ersten großen Erleuchtung sagte, "auf der cloaca" geschehe. Was der Mensch mit dem Höheren abzumachen habe, dazwischen brauche es weder eine päpstliche Kirche noch eine andere Art der Bevormundung.
Das ist die "Freiheit eines Christenmenschen"!
Diese Freiheit sei aber zugleich immer auch "unfrei" - nämlich Verantwortung! Freiheit sollte immer auch ein Engagieren für den Nächsten, für die Mitwelt sein. Luther war überhaupt ein Liebhaber des "Wechselbegriffs". Bei ihm war zum Beispiel "Liebe" nur zusammen zu haben mit "Erkenntnis", also Verstand mit Gefühl, Freiheit mit Mut und so weiter.
Luther wusste, dass es im Leben tiefe, unlösbare Widersprüche gibt, zum Beispiel zwischen Gut und Böse. Und er hatte den Mut, diese Widersprüche zu benennen und auch selber am eigenen Leibe auszuhalten, in den Griff zu kriegen. Später hat man solche Phänomene als "Komplementarismus" beschrieben, nämlich in der Atomphysik. Luther wusste an sich selbst, dass Menschen nun mal nicht vollkommen sein können. Friedrich Schorlemmer erzählt: Im Jahr 1516 malte Lucas Cranach seine "Zehn Gebote". Die Figuren dort haben über ihren Schultern meist einen Teufel oder aber einen Engel schweben. Wäre Luther der Maler gewesen, hätten auf den Schultern jeder Figur Teufel u n d Engel gesessen! In jedem Menschen sind nach Luther also Gut und Böse verteilt, wenn auch eine Seite davon überwiegen kann. Für ihn gab es kein "reines Gewissen", aber ein "getröstetes"! Menschen machen Fehler, dennoch müssen sie handeln. "Wer immer strebend sich bemüht,/ Den können wir erlösen", so singen die Engel in Goethes "Faust II". Das hätte auch Luther so sagen können.

 

DA FREI ICH BIN

Luther war ein Mann mit vielen Ecken und Kanten. Luther war äußerst schwach
im Rechnen. Kopernikus hielt er für einen Dummkopf, der nicht richtig in den Himmel gucken konnte, und die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus war für Luther ein unwichtiges Randereignis. Luther glaubte an Gespenster und Teufel,
an Elfen, Kobolde und Hexen. Er warf mit Tintenfässern nach ihnen und prahlte nicht, wenn er sagte: "Wenn so viele Teufel zu Worms wären wie Ziegel auf den Dächern, wollte ich doch hinein!"
Dennoch war Luther kein Narr und liebte ausdrücklich "Wein, Weib und Gesang".
Selbst der "Weihnachtsbaum" wird ihm manchmal zugeschrieben.
Aber vor allem hatte er als ein Bauern- und Bergmannssohn aus dem Mansfeld
sein Gerechtigkeitsgefühl. Doch empörte er sich erst, wenn es nicht mehr anders ging. Und natürlich konnte Luther auch nicht in die Zukunft schauen. Luther wusste
oft auch nicht, ob sein Handeln wirklich richtig war. Doch er handelte.
Aber ein Händler war er gar nicht.
ICH BIN SO FREI rief Luther im "Großen Sermon
vom Wucher" 1524: "Wie kann es nach göttlichem und menschlichem Recht
so zugehen, dass jemand in so kurzer Zeit so reich wird,
dass er Könige und Kaiser auskaufen kann?"

Vielleicht war es zuerst Luther, der sich empört hat,
dass man für Geld alles, bis hin zu einem reinen Gewissen, kaufen zu können glaubte!
Anlass zu Luthers Thesen und zur
Reformation war ja, dass der Papst den Vatikan
neu und prächtig, wie er heute noch steht, erbauen wollte
und dazu der deutsche Kardinal in Halle so süchtig nach den kostbarsten Reliquien war! Beide brauchten also Unsummen, die sie auch durch Ablasshandel eintreiben wollten. Ein Mörder konnte zum Beispiel einen entsprechend teuren Ablassbrief kaufen,
der ihn vom Mord freisprach. Es gab Ablaßbriefe für noch nicht begangene Sünden, selbst für Sünden der Kinder und Kindeskinder!
Luthers brennende Aktualität besteht vor allem darin, dass er mit seinem Wort,
mit seiner Tat zeigte, dass -
DA FREI ICH BIN - nicht alles käuflich ist!
Und schon gar nicht Würde, Freiheit und wahres Glück!
Luther war anscheinend einer der besten Katholiken aller Zeiten!
Er war so großartig alltäglich und wichtig auf unserer Erde, dass ihn der Papst
wohl erst in etwa dreihundert Jahren heilig sprechen könnte!

 

Pflücke dir die herbstzeitlose /immerfrische Lutherrose:

 

 

NEUE COVERVERSION

Ein feste Burg ist unser Gott
Ein gute Wehr und Waffen
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns itzt hat betroffen.
Kein loser Spaß, kein leichtes Spiel,
kein Schmu sind unsre Taten,
als könnten wir ein Sehnsuchtsziel
durch Mausklick nur verraten.
Verlink dich nun, Welt,
im himmlischen Zelt.
Dass du es nun weißt,
Herz, Lust und Mut und Geist,
wir wolln `s nicht mehr verbergen.
Der alt böse Feind,
Mit Ernst er` s itzt meint.
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist.
Auf Erd ist nicht seins gleichen.
Mit unser Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren.
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbs erkoren.
Kommt rein, ihr lieben Nächsten hier
von allen vier Weltenden!
Schon wankt des Bösen Hauptquartier
von euren flinken Händen.
Von Kairo bis Rom,
die Welt ist der Lohn
samt all ihren Links,
und heute schon gelingt` s.
Wer will uns noch aufhalten.
Fragst du, wer das ist?
Er heißt Jesu Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein ander Gott:
Das Feld muss er behalten.
Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Geld, Gier und Macht, alt böser Haß,
die blühn nur im Geheimen.
Wir wollen unsern ernsten Spaß
auf "Hass" nicht länger reimen.
Der Feind dieser Welt,
wie er sich auch stellt,
er kann uns doch nicht.
Er steht ja vor Gericht.
Ein Mausklick kann ihn fällen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht: er ist gericht,
Ein Wörtlein kann ihn fällen.
Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben.
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Gefangen frei sind wir im Netz,
das freier Sinn gesponnen.
Von Hand zu Hand eilt dies Gesetz.
Das Werk ist längst begonnen.
Was immer geschieht,
Glied fügt sich zu Glied,
geknüpft wird das Netz.
Es hält dich ja schon jetzt.
Ins Nichts muss niemand fallen.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib.
Laß fahren dahin!
Sie haben` s kein Gewinn.
Das Reich muss uns doch bleiben.

 

DER GÖTTLICH FREIE ELEUTHERIUS

 

Ich bin so frei, da frei ich bin.
Hier steh ich unumwunden.
Ich geb dir hin mein Herz und Sinn.
Ich will uns frei-verbunden.

Doch wer sich in den Kasten schließt
und glaubt sich wohl geborgen,
und wer aufs Glück sein Pulver schießt,
den mag der Bock entsorgen!

Wir sind nur Bettler, das ist wahr,
allein am Schluss des Lebens.
Doch senst der Tod unzweifelbar
den Faden ab vergebens.

Hier steh ich und kann keiner mich
zur Hundsgestalt verbiegen.
Komm, lieber Feind, laß sein den Stich!
Lass uns zum Himmel fliegen!

Ich bin so frei, da frei ich hab
den Himmel unter Gleichen.
Herr Geldsack, nimm den Bettelstab!
Wir sind ja doch die Reichen!

 

 

COMEDIAN 1539

 

Gewissensnot bezahlt, dann steckst du ein
was Gottes wär! Das wird Reliquienschrein.
Da, Kurfürst Albrecht, zeig ich dir einmal,
was deine Sucht als Ablass-Kardinal
nie kriegt: drei Flammen, als der Dornbusch brannte!
Den Hauch, als man Johannes "Täufer" nannte!
Vom See Genezareth gleich hundert Wellen
mit, wo Herr Christe ging, den schönsten Dellen!
Ein Schlag hier von der Pauke Miriams
(vielleicht ins Fromm-Gesicht dir, Gott verdamm` s!)!
Ein Ei, zwei oder drei vom Heiligen Geist
gegen den Haufen, den der Teufel scheißt!
Den Knauf vom Banner, mit dem Jesu Christ
die Hölle aufstieß, hast du doch vermisst?
Siehst du am Kopf das Horn da, ein ganz loses?
Zehntausend Taler! Denn es stammt von Moses!
Von Gabriel fehlt dir doch noch ein Flügel?
Borgt Fugger noch? Denn sieh mal da am Hügel
Sankt Moritz` Mumie auf drei Beinen laufen!
Kann ich dir anderthalbfach gleich verkaufen!
Die Teufelslocke hier, was die wohl brächte?
Sehr viel! Sie stammt von Luzifers Gemächte!
Der Dudelsack dazu fing einstmals an als Katze
bei Beelzebub! Hier noch ein Haar von seiner Glatze!
Das kannstu haben, Herr Gewissens-Zwerg,
samt tausend Zentnern Sturm aus Wittenberg!

 

Martin Luther
"Gott hilf, du lieber Herr und Heiland, dass wir fromme Sünder bleiben und nicht heilige Lästerer werden. Amen." (Wider den Bischoff zu Magdeburg, Albrecht Cardinal, 1539)

 

DEUTSCHLAND SEIT 1945 - EINE ILLUSTRIERTE GESCHICHTE DER GEGENWART

Sonderausgabe für die Zentralen für politische Bildung in Deutschland, Aschendorff Verlag 2011
Prof. Dr. Jörg Engelbrecht Historiker und Hochschullehrer Dr. Wolfgang Maron Pädagoge und Historiker
"Das reich bebilderte Buch will eine breite Leserschaft ansprechen." (Klappentext)
In gelben Kästen werden dort künstlerische Zeichnungen von den Politikern abgebildet samt Biographie und Karriere, in blauen Kästen dasselbe für die anscheinend wichtigsten Kulturträger Deutschlands
seit 1945, allerdings hier nur mit Farbfotos. Im Text erscheinen außerdem noch einige Dichter und Denker ohne Foto und
Biographie. Hier sind sie unter der jeweiligen fortlaufenden Seitenzahl:

Thomas Mann zu Besuch in Deutschland 27 BERND EICHINGER Filmproduzent 27
KONRAD ADENAUER 24 WALTER ULBRICHT 31 Bertolt Brecht, Leiter des Berliner Ensembles, mit J. R. Becher, Kultusminister der DDR 33 FRANK-THOMAS MENDE Schauspieler und Seifenoperregisseur 33 CHRISTOPH DAUM Fußballtrainer 33 DIETER BOHLEN Musiker und Produzent 44 HARALD SCHMIDT Entertainer 43 MARIANNE ROSENBERG Schlagersängerin 49 FRANZ JOSEPH STRAUSS 50 CAMPINO Musiker 51 Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Wolfgang Petersen, Margarethe von Trotta 55 GUILDO HORN Schlagersänger 55 ULRIKE FOLKERTS Schauspielerin 57 JÖRG PILAWA Fernsehmoderator 59 LUDWIG ERHARD 67 KURT GEORG KIESINGER 68 Rolf Hochhuth, Günter Grass, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Theodor Adorno, Max Horkheimer 71
"An der Mehrheit der Bevölkerung ging
solche Kritik freilich auch weiterhin vorbei."

MELANCHTHON:
"Heute gilt nur noch das Amusische als königlich … Alle Künste und Wissenschaften sind von denen auf widerliche Weise verunreinigt worden, die Sprache und schöne Literatur beiseite ließen und - gleich wie die Schweine in die Rosen - in die höchsten und wichtigsten Fächer eindrangen." (1523)

WILLY BRANDT 73 ERICH HONECKER 75 Wolf Biermann 75 und 112
CLAUDIA SCHIFFER Model 79 ERIK ZABEL Radprofi 81
HELMUT SCHMIDT 83 HEIDI KLUM Model 85 NICK HEIDFELD Rennfahrer 87 HELMUT KOHL 89 FLORIAN SILBEREISEN Fernsehmoderator 95
DANIEL KÜBLBÖCK 96 DAVID ODONKOR Fußballspieler 102 Nena,
Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, Nicole 105
MATTHIAS SCHWEIGHÖFER Schauspieler 108 Monika Maron 109 SVEN HANNAWALD Skispringer 111
BILL UND TOM KAULITZ Sänger 116 GREGOR GYSI 118 LAFEE Rock-Pop-Sängerin 120 "Deutsche Jugendliche sind heute so gut ausgebildet wie noch nie." LENA GERCKE Model 132 PAULA SCHRAMM Schauspielerin 134
LENA MEYER-LANDRUT Sängerin 136 HANS-DIETRICH GENSCHER 139 GERHARD SCHRÖDER 141 JOSCHKA FISCHER 142 ANGELA MERKEL 144

LUTHER:
"Wenn denn die Schrift und die Gelehrsamkeit untergeht, was soll da bleiben in deutschen Landen als ein wüster, wilder Haufen, Tataren oder Türken, ja vielleicht ein Saustall und eine Horde von lauter wilden Tieren?" (1530)

 

MANCHMAL MUSS MAN STANDHAFT STREITEN UND EIN KÜHLER KOPF DARF GLÜHN. ÜBERALL ZU ALLEN ZEITEN
KANN DIE LUTHERROSE BLÜHN

 

Ich wollte, meine Gedärme würden sich öffnen. Ich bin zugemauert wie eine alte Krypta.
John Osborne,
LUTHER, 1. Akt, 2. Szene

 

 

AB-ORT

 

 

 

Abtrünnig sein, weg, wie an gottfernem Ort,
als ging´ s nur nach unten, zum Teufel dann fort,
als wollt du zu Gott durch die Hölle verreisen
als sollt du, statt beten, nun immer nur scheisen
und kannst es doch nicht im Ab-Ort deines Hauses!
Abtritt hier mit Müh nur der Rest jedes Schmauses.
Nur Brunzen geht besser vom heiligen Wein.

So saß er und saß und saß ganz allein
zum endlich Erleichtern. Und da trat dann ein
Erleuchtung! Gott selbst sprach: Mensch Martin,
du bist zwar mein Grobian, doch einer von Zartsinn!
Warum soll der Pupst dir den Bauch länger walken?
Ich selber kann da sein mit donnerndem Balken!
Gott scherzt so. Und
LUTHER, der kann es beweisen.


 

20. August 2011: Es ist der 425. Jahrestag der ersten Vorlesung von

G I O R D A N O B R U N O

an der Universität von Wittenberg, dem deutschen Athen. Im Tagebuch schreibt Bruno: "Dort traf ich zwei Parteien an, die eine philosophisch, die aus Calvinisten bestand, die andere theologisch, die sich aus Lutheranern zusammensetzte. Unter ihnen befand sich ein Gelehrter mit dem Namen Alberigo Gentile. Er lehrte Recht und half mir, so dass ich durch seine Gunst im Auditorium über das Organon von Aristoteles sprechen konnte. Diesen und andere Vorträge habe ich etwa über zwei Jahre verteilt gehalten." In seiner berühmten Abschiedsrede oratio valedictoria am 8. März 1588 sagte Giordano Bruno:
"Wenn du nunmehr siehst, wie jenes Ungeheuer, das größer war und weit verderblicher wirkte als irgendein anderes in sämtlichen vorhergehenden Jahrhunderten, endlich am Boden liegt
und du wunderst dich, mit welcher Waffe es vernichtet sein mag:
Dann frage nach der Keule nicht,
denn mit der Feder ward` s vollbracht!"

LUTHER VOR DEM WELTENRICHTER

Du fragst mich, Herr, mein Weltgericht,
nach der Gewalt und Kraft und Macht?
Dann frag mich nach der Keule nicht,
denn eine Feder hat´ s vollbracht!

Die war mit Liebe zugespitzt,
dein Welt-Meer, Herr, mein Tintenfass!
Sieh Herkules vorm Stall gewitzt,
wie der auf seiner Keule saß!

Denn Mist im Teufelsdreckstall muss
im hellen Fluss der Worte fort!
So schwerbewaffnet mit dem Fluss
der Tinte muss bestehn dein Wort!

"Und wenn du fragst, woher der Held kam? Woher? So lautet die Antwort: Aus Deutschland,
von den Ufern dieser Elbe, aus der Fülle dieses Borns! Hier an dieser Stätte hat euer Mitbürger
und Herkules über die ehernen Pforten der Hölle, über die mit einer dreifachen Mauer umgebene Zwingburg, die der Styx neunfach umwindet, den Sieg davongetragen.
Du hast, o
L U T H E R, das Licht gesehen,
das Licht erkannt, betrachtet, du hast die Stimme des göttlichen Geistes gehört, du hast seinem Befehl gehorcht, du bist dem allen Fürsten und Königen Grauen erweckenden Feind unbewaffnet entgegengetreten, du hast ihn mit dem Wort bekämpft, zurückgeschlagen, niedergeschmettert, besiegt und bist mit den Trophäen des übermütigen Feindes zur Walhalla eingegangen!"

Professor Schoppe an seinen Freund Rittershausen über die Verbrennung Giordano Brunos
am 17. Februar, dem 54. Todestag von Martin Luther: "Wenn Du nämlich jetzt in Rom wärest,
so würdest Du aus dem Munde der meisten Italiener hören, es sei ein Lutheraner verbrannt worden.
W E N N also L U T H E R E I N B R U N O G E W E S E N I S T, was meinst DU
hätte mit ihm geschehen müssen?"

 

Martins Let It Be

Luthertassen kommen gerade
in die Lutherschrankdekade.
Lutherlinden, -buchen, -eichen
könnten jetzt viel Geld einstreichen.

Lutherstätten und -kongresse
sind nun, was dem Papst die Messe
oder was dem Lutherist
jäh ein Furz von Luther ist.

Luthertinte, Luthertorte,
Lutherstempel ohne Worte,
Lutherbeutel, Lutherschlipse,
Lutheröl und Luthergipse,

Lutherfahrt mit Lutherkutscher,
Lutherbrot zum Lutherlutscher
in den Lutherbauch, denn was
Vatikan, das kan ich auch!

Merk! Was du nun kaufen kannst,
dient dem Ablass und dem Wanst.
Ablass ist, wie Hund und Katz,
von "Lass ab!" der Gegensatz.

Denn lass ab von Luthersocken,
die, nach Worms zu gehn, verlocken,
um dort Lutherschnaps und -schinken
anzubeißen und zu trinken!

"Luther´s Krug" kann gar nicht anders
als im Faden-Kreuz des Fahnders
hier zu stehn. Für was? Für Bier.
Dafür, Kinder, steht der hier!

Bis zum Lutherherzinfarkt
ist vermarktet auch mein Markt.
Hier versetzten Lutherzwerge
gleich dreihundert Maulwurfs-Berge.

Nota bene:

Würdet ihr euch sonst bequemen,
meine Lehre anzunehmen
"Froh sein, stark in Gott und frei",
Bruder Martin wär` dabei.

 

STIMMEN-ZETTEL-KASTEN

Ist es schlimm, anders zu sein? Dann hätte Gott 6,5 Milliarden gleiche Menschen
erschaffen bzw. einen Menschen erstellen und 6,5 Milliarden mal auf den Knopf "Duplizieren" drücken müssen. Aber Gott erschuf eine Vielfalt, die Abwechslung verspricht, wo jeder Mensch seine einzigartigen Fähigkeiten entfalten kann.
Sophie Langhammer, Wolfen

Als wir vorn standen, war in uns pure Panik und Angst, dass jetzt der Augenblick ist,
wo wir es sagen wollen.
Raluca Denecke und Maxi Schlickeisen, Zeitz

Da war die Angst vor so vielen Leuten! Aber wir ziehen das durch, egal was kommt.
Die Knie haben gezittert!
Michele Jagiella, Zeitz

Heute habe ich die Verpackungsfolie von meinem Herzen entfernt.
Es tat weniger weh als gedacht. Mein Herz zitterte ein wenig, es war die kühle Luft
noch nicht gewöhnt. Vor Schreck hatte es sogar aufgehört zu schlagen. Ganz langsam
wagte es sich erst wieder, sich zu bewegen. Das bedeutet, dass ich es nicht mehr
umtauschen kann, es ist ja benutzt worden. Doch die Folie ist jetzt ab.
Laura Schaar, Osterburg

Jeder hat Freiheit, sogar die Pflanzen! Alle freuen sich, denn sie dürfen tun und lassen,
was sie wollen. Der Salat springt vor Freude in die Luft, denn er darf ungestört wachsen.
Die Algen im kühlen Wasser schaukeln dankend hin und her und der Baum mit seinen Äpfeln
hat die Freiheit, sich vom Wind hin und her schaukeln zu lassen. Auch haben die Tiere
viel Freude an Freiheit. Der Elefant zum Beispiel macht eine Freiheitsparty als Dankeschön. Und der Hai hat das Recht und die Freiheit, Pflanzen zu fressen. Der Spatz dagegen
ist sehr froh, denn er wollte schon immer einen Goldzahn haben, und, nicht zu vergessen,
hab auch ich viel Freude an der

F R E I H E I T !

Alina Gütling, Luther-Melanchthon-Gymnasium Lutherstadt Wittenberg, Klasse 5d

Freiheit ist für mich eine Art Kraft in mir. Die es ermöglicht, meine Meinung zu sagen.
Natürlich finde ich auch, dass ich Rechte haben muss, um das Gefühl "Freiheit" aufzubauen.
Es gibt Tyrannen, das sind Menschen, die anderen Leuten immer sagen, was sie zu tun
und zu lassen haben, also andere herumkommandieren, die finde ich nicht so toll.
Marlene Wendt, Luther-Melanchthon-Gymnasium Lutherstadt Wittenberg, Klasse 5d

Wir fühlten, dass es richtig ist, etwas zu sagen, doch da war auch Angst
vor den Konsequenzen. Aber wir waren auch eine geschlossene Einheit.
Charlotte Blume, Zeitz

Wir wussten nicht, dass wir so viel bewegen und so manche Dinge aufgedeckt würden!
Nele Schneider, Zeitz

Na, Luther wusste auch nicht, dass er eine Lawine ins Rollen brachte!
Mareike Deubel, Zeitz

Wir konnten es nicht mit unserm Gewissen vereinbaren und das haben wir in der Rede gesagt.
Maxi Schlickeisen, Zeitz

War Luther ungehörig,
weil er in Worms nicht widerrief?
Patricia Schreck, Zeitz

Noch schlimmer muss es Luther ergangen sein, es ging um sein Leben, nicht bloß
um sechshundert Euro!
Peter Herrmann, Zeitz

 

Aus dem Stück "Krähennest" von Wilhelm Bartsch:

Luther: Was wird wohl mal aus dir werden? Martin?
Martin: Was schon, Herr Vater. Bin ich nicht schon ziemlich dicht hinter dir
in deinen eigenen Fußstapfen?
Luther: Ich fürcht` mich, du könntest
in der Theologia vor allem den fünften Sackzipfel suchen.
Martin: Damit würde ich doch niemals erfolgreich sein! Luther: Das ist es ja. Eben doch! Sogar sehr erfolgreich! Es wird Säcke geben, die bestehen
nur noch aus fünften Zipfeln! Aber wer diese hervorzupft, die es gar nicht gibt,
der wandelt nicht mehr in meinen Fußstapfen. Martin, was macht Anna-Maria?
Martin: Du weißt es doch - wir heiraten im Frühjahr! Luther: Ja, und da heiratest du
den Bürgermeister Heiliger von Wittenberg gleich mit. Und dann?
Martin: Wie du so schön zu sagen pflegst, Herr Vater - die Scherben
der römischen Kirche beiseite kehren, die evangelische Inbrunst
in der Lehre Christi entzünden.
Luther: So? Sagte ich das? Inbrunst? Und Ausbrunst? So, wie Inkubus und Sukkubus? Martin: Ach, Herr Vater, deine schwärzlichen Scherze!
Luther: Nein! Denn eben das ist es, was ich nicht und wieder nicht zu lehren vermochte!
Denn selber habe ich es nicht lernen können! Wo aber die Wüste des Versuchers liegt, das weiß ich inzwischen sehr wohl! Ich kenne die Reiche dieser Welt, ich kenne
die Stadt Wittenberg, und das Bürgermeisterhaus deines Schwiegervaters
kenne ich nur zu gut! Aber wie einer mit großem und nötigem
F R E I M U T
und wie er mit Inbrunst zu Christum gelange, weiß ich kaum selbst! Und in dieser einen
und wichtigsten Frage habe ich keine Antwort in meinem ganzen Leben gefunden! Keinen Rat! Nur den einen: du musst dich um Antwort genau auf diese Frage bemühen,
Tag um Tag, Stündlein um Stündlein!

 

 

 

 

 

 

 

W i l h e l m B a r t s c h wurde 1950 in Eberswalde geboren und lebt seit 1976 in Halle/Saale,
wo er seit 1982 freiberuflich als Schriftsteller arbeitet.
Er erhielt u.a. 1987 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau
und 2007 den Wilhelm-Müller-Preis des Landes Sachsen-Anhalt. Er ist u.a. Mitglied des P.E.N.
und der Sächsischen Akademie der Künste. Zuletzt erschienen: Mitteldeutsche Gedichte, Halle 2010, Meckels Messerzüge, Roman, Berlin 2011.

-in Bearbeitung-