A L T A R P O S I T I O N E N
 

 

Installation von sieben zeitgenössischen Altarbildern von August bis Oktober 2009 im Magdeburger Dom.

Das Kunstprojekt ist ein Beitrag zur kultur- und kunstgeschichtlichen Würdigung des 800-jährigen Bestehens des gotischen Domes zu Magdeburg im Jahr 2009.
Die Thematik des kirchlichen Altars als Ort der Nähe zu Gott, als Ort der Spiritualität und Kontemplation soll im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten besonders hervorgehoben werden.
Die von der Domgemeinde und den teilnehmenden KünstlerInnen erarbeitete Konzeption sieht vor, sieben Altäre des Domes mit gegenwartsrelevanten bildhaften Umsetzungen auszugestalten und geht in ihrer künstlerischen Intention einher mit der gegenwärtig festzustellenden weltweiten Suche nach neuen Ausdrucksformen für den kirchlichen Altarbereich.
Die neu zu schaffenden zeitgenössischen Altarbilder werden in einen konfrontativen Dialog mit sieben historischen, während der gotischen Stilepoche entstandenen, Bildwerken eintreten. Es geht um die spannende Herausforderung, mit heutigen Ausdrucksformen die Erfordernisse eines kirchlichen Altarbildes zu erfüllen und um die Frage, ob mit gegenwärtiger Herangehensweise ähnlich emphatische Betrachterreaktionen ausgelöst werden können, wie es gotische Altarbilder mit biblischen Inhalten seit Jahrhunderten zweifellos vermochten.
Die Festlegung auf sieben Altarbilder ergibt sich aus der theologischen Bedeutung der Zahl Sieben und der Anzahl der im Magdeburger Dom vorhandenen vierzehn Altäre.
Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler reflektieren das Thema "Altarbild" aus ihrer jeweiligen Sicht in interdisziplinärer Bandbreite. Als Mittel zur thematischen Umsetzung ist klassische Ikonographie ebenso denkbar wie eine sphärisch abstrakte Herangehensweise oder die Bezugnahme auf aktuelle, politische Themen; z.B. Massenkonformität in einer gleichgeschalteten Konsumwelt, oder die Folgen von Krieg, Hunger und Vertreibung.

TEILNEHMENDE KÜNSTLER:

Burghard Aust - WUNDMALE
Johanna Bartl - KLANGINSTALLATION "AMBITUS"
Prof. Ludwig Ehrler - OHNE TITEL
Klaus Friedrich Messerschmidt - HAUTNAH
Knut Mueller - KREUZIGUNG
Uwe Pfeifer - MEMENTO
Babette Weidner - AUFERSTEHUNG

 

Dr. Friedrich Weltzien, Kurator
KONZEPTSKIZZE

Die Ausstellung soll zeitgenössische künstlerische Positionen mit Altären im Domraum verbinden. Teil der Ausstellung soll ein Leitsystem sein, das die Besucher an den Altären vorbeiführt und diese so in die Wahrnehmung rückt.
Um die unterschiedlichen Arbeiten in einen Zusammenhang zu bringen, ist eine gemeinsame Fragestellung oder eine gemeinsame Perspektive nötig. Als Ansatzpunkte schlage ich drei Themenbereiche vor, unter die sich die Herangehensweisen zusammenfassen lassen sollten.

1) Raum und Körper
Eine grundsätzliche Ausgangsfrage lautet: Was ist ein Altar (oder: was ist ein Altar nicht)? Ein Möbelstück, ein Opferstein, eine Ortsmarkierung, ein Zeichen, ein Symbol etc.? Im Dom erweitert sich diese Frage, indem mehrere Altäre im Kirchenraum eine Beziehung untereinander aufbauen. Ändert dies die Bedeutung für den einzelnen Standort? Kann es eine Hierarchie geben oder ist jeder Altar gleich heilig? Über den Standort, Größe und Materialien werden immer auch Machtansprüche deutlich gemacht.
Die Altäre des Doms stehen an spezifischen Plätzen und stellen so Bezüge untereinander her, z.B. die Betonung der Mittelachse, aber auch eine Aufwertung von Kapellen und ansonsten nicht hervorgehobenen Stellen des Kirchenraums. Wie sieht dieses Beziehungsgeflecht aus und wie lenkt es die Wahrnehmung des Raumganzen? Altäre sind immer schon plastische Objekte, Skulpturen, die den Raum um sich gestalten und über mehr als eine Ansichtseite verfügen. Im gegebenen Fall verfügen viele auch über ein Außen und Innen, eine Offenbares und ein Geheimes.

2) Bild und Nichtbild
Die Geschichte des Doms und seiner Altäre hat dazu geführt, dass unterschiedliche Bildprogramme existieren, reiche und karge Ausstattungen. Das geht auf unterschiedliche Vorstellungen vom Bild zurück. Zeitgenössische Kunst hätte zu fragen: Wie verstehen wir den Zusammenhang zwischen Altar und Bild heute: Glauben wir an bildliche Repräsentation oder an abstrakten Symbolwert, an das Visuelle oder an das Wort? Brauchen wir Bilder oder lenken sie uns vom Wesentlichen ab, sind sie andachtsfördernd oder gefährlich?

Daraus folgt auch eine andere grundsätzliche Frage: Was haben Altäre und Kunst miteinander zu tun? Kann ein Kunstwerk vielleicht heute eine Funktion erfüllen, die in der Gotik dem Altar zukam, etwa Aufmerksamkeit auf sich bündeln, Gedankengänge anregen, vielleicht über das Ästhetische mit Gott in Verbindung treten? Spannungsverhältnisse zwischen Imagination und Realität, Virtualität und Sinnlichkeit, Innerlichkeit und Materialität tauchen auf.

3) Performanz
Der Altar ist nicht nur ein statisches Element, sondern in der Liturgie auch zentraler Ort einer Aufführung, eines performativen Ritus. Während der Messe, besonders während des Abendmahls wird die Rolle des Altars als Gravitationszentrum der Bewegungen von Pfarrer und Gemeinde augenfällig.
Gleichzeitig zeigt die Geschichte des Doms und seiner Altäre, wie viel Bewegung auch diesen nur scheinbar unverrückbaren Mittelpunkten der Liturgie innewohnt. Einige wurden verschoben und versetzt, viele verschwanden ganz, die meisten wurden verändert. Die Durchwanderung der Kirche/der Ausstellung ist ebenfalls ein performativer Akt der Wahrnehmung. Man muss sich bewegen und seinen Standpunkt ständig ändern, man muss dem einen Altar den Rücken zukehren, um sich dem anderen zuwenden zu können. Zudem ändert sich (im Unterschied zu musealen Ausstellungsorten) ständig das Licht von Außen. Das gilt es aufzunehmen und zu berücksichtigen.

In jedem Falle ist die reiche Geschichtlichkeit des Ortes zu würdigen (aus der Ottonik zur Gotik, von der Reformationszeit zum 30jährigen Krieg, vom I. Weltkrieg über den Faschismus zum II. Weltkrieg, DDR, Wiedervereinigung und Gegenwart). Die Spurensuche lädt dazu ein, sich über den Raum, das Licht, die Materialien diesen historischen Schichten zu nähern und offene Fragen zu formulieren.
Die Widmungen der Altäre, die damit verbundenen Heiligenlegenden und die jeweiligen Schicksale der Altäre selbst bieten dazu Anhaltspunkte. Denkbar wäre auch ein Bezug zu einem der Altäre, die heute nicht mehr im Kirchenraum stehen, deren ehemalige Anwesenheit aber aus Quellen und archäologischen Befunden rekonstruierbar ist.

gefördert durch:

Land Sachsen-Anhalt

Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt