Klaus Friedrich Messerschmidt - HAUTNAH
 

 

geb. 1945, lebt in Halle. 1966 - 72 Studium der Bildhauerei an der Hochschule Burg Giebi-chenstein in Halle. Seit dem Diplom 1972 Bildhauer und Grafiker mit entsprechendem Um-feld: Ausstellungen, Symposien, Wettbewerbe, Aufträge, Ankäufe.

Zum Bartholomäus-Altar im Magdeburger Dom

Ob Bartholomäus, einer der Jünger Jesu, als Missionar in Armenien zu Tode gekommen, vorher oder nachher oder überhaupt geschunden worden war, ist nicht mehr festzustellen. Die Art seines Martyriums ist nicht bekannt. Vielleicht wurde er auch nur enthauptet oder gekreuzigt oder er erlitt einen kombinierten Tod.

Künstler haben sich der grausamsten Arten seines Todes mit glühenden Farben und großem Einfühlungsvermögen angenommen und zumindest das Messer, mit dem er enthäutet wur-de, mit aufs Bild gebracht, aber oft hält er seine abgezogene Haut in den Händen. Wie in der Sixtinischen Kapelle, wo Michelangelo sein Selbstporträt auf eben diese Haut gemalt hat, um auf seine Bürden als Künstler hinzuweisen.

Es entsteht die Frage, was man alles für seine Glauben (durchaus als Mehrzahl gebraucht) auszuhalten hatte und hat. Das anbetungswürdige Verharren im überwältigenden Erkennen, dem man trotz aller zu erleidenden Grausamkeit nicht abschwört.
Es bleibt die Frage, warum Gott seinen Festgläubigen so sehr selten beigestanden hat. Hät-te er doch den Feinden, den Glaubensfeinden mit offener Parteinahme für den Gemarterten jegliches Argument genommen. Und die Henker bei jedem Henkungsansatz von vorüberge-hender Lähmung befallen lassen, zum Beispiel.
Man kann darüber nachdenken.

Als Entschädigung für erlittenes Leid, erlittenes Unrecht erfolgte allerdings die Verleihung besonderer Gabe als Belohnung sozusagen. Die Gequälten, der Gequälte, sie wurden zu potentiellen Heilsbringern und Helfern. Speziell für Gerber, Lederarbeiter, Handschuhma-cher, Schuhmacher und Buchbinder. Für Metzger, Schneider und Nervenkranke. Sollte Ana-logiezauber eine peinliche Rolle spielen? Überraschend nach dieser leicht begreiflichen Rei-he ist, dass er auch für Bauern, Hirten und Winzer zuständig war und ist. Und Bartholomäus entwickelte sich außerdem noch zum Patron des Wetters.

Wenn wir vor dem Altar des Heiligen B. stehen. Unter seinem kleinen steinernen Abbild.
Wenn wir nichts vom Heiligen wollen, keine Fürsprache, keine Hilfe: wie hat man auf Leben und Tod des Märtyrerheiligen zu reagieren? Nachdenklich?
Bartholomäus und sein Schicksal als Meditationsgrund? Warum nicht.
Weil wir mit heiler Haut davon gekommen sind - noch einmal davon gekommen!
Weil wir das Gefühl haben, die Haut zu Markte tragen z umüssen!
Weil wir das Gefühl haben, dass sie uns das Fell über die Ohren ziehen!
Gänsehaut.
Pfirsichhaut.
Weil wir Gefühl im Bauch haben, wenn es um Berühren und Fühlen geht, weil uns die Liebe bis unter die Haut gegangen ist.
Unter und über unser Sinnesorgan, das den Körper gänzlich umschließt, ihn schützt und informiert. Die empfindliche Antenne für Umwelteinflüsse harter und weicher Art. Für Schmu-sen und Schlagen, Streicheln und Kratzen. Für heiß und kalt und lauwarm. Die Haut, mit der wir atmen müssen.
Hautnah! Hautnah! sagen wir, wenn wir angegangen sind.